Ich stehe nackt vor dir

©Juliane Großmann

Ich stehe nackt vor dir.

Alle Hüllen sind weg.

Nichts, was mich bedeckt.

Nur ich, mein Körper und ein paar Worte. Worte, so einfach, so unschuldig, doch so schwer über die Lippen zu bringen.

„Ich finde dich interessant.“

Ängste, zur Seite gelegt. All die leeren Worthülsen, die in der Vergangenheit auf mich regnete, jedes leere Kompliment, jede Annäherung, die am Ende doch wieder ins Nichts verlief, ad acta, schnell unter den Teppich gekehrt. Einmal noch, vielleicht diesmal! Der Schmerz der Stille, die sich danach immer wieder einfindet, unterdrückt.

Ich, nackt vor dir. Hüllenlos.

Ich kann frei sein, frei von all dem Scheiß, den Erwartungen, Verlusten, Ängsten. Ich kann all das abstreifen und einfach ehrlich sein. Weil ich nicht verlernt habe zu fühlen und diese Gefühle zuzulassen. Ich kann ehrlich sein. Ich kann einen Schritt nach vorne machen, auch wenn ich immer wieder fünf nach hinten geworfen werde.

Ich gehe lieber mit all meinen Körben picknicken, als mich auf unausgesprochenen Worten zu betten. Ich schöpfe lieber Kraft aus Enttäuschungen, als mich von Distanz und leeren Interessensbekundungen mundtot machen zu lassen. Ich wage jedes Mal aufs Neue, weil ich nur so Menschen kennenlerne, mich Menschen berühren können und ich die Chance habe zu berühren.

Ich wage, weil mich das stärker macht als dich. Weil ich stärker bin als du!

Ich lasse mich nicht von falschen Erwartungen verunsichern, schiebe Momente nicht vor mir her, bis sie sich im Sande verlaufen.

Ich lasse mich nicht von der vermeintlichen Vielfalt täuschen. Der Nächste, ja, der wartet nur drei Straßenecken weiter, vier Schnaps später. Aber jetzt, genau in diesem Moment, im Hier und Jetzt stehe ich vor dir.

Ich komme dir nahe, weil es schön ist. Du es auch genießt, dich danach sehnst. Aber meine Angst vor Enttäuschungen hält mich nicht davon ab, dir Nähe zu schenken, meine Arme zu öffnen, festgehalten zu werden.

Meine Freiheit, zu entscheiden, zu wählen, zu machen, was ich will, bringt mich immer wieder an den Punkt, mich einem Menschen zu öffnen. Auch wenn er mich verletzen kann. Auch wenn ich ihn verletzen kann. Ich wage!

Unsere Freiheit, die große Mär von der Welt, die uns so offen steht, den Möglichkeiten, die jeden Tag aufs Neue auf uns warten, wir sie uns greifen können, wo, wie und wann wir wollen, macht uns nur unfreier. Unbeweglicher. Denn letztendlich bringt sie uns dazu alles und jeden zu berechnen, zu bewerten. Bringt uns dazu jedes Detail zu hinterfragen, in die Form zu pressen, die wir uns gegossen haben. Passt es nicht, ist es nicht gut.

Ich habe viele Quadrate gehen lassen, weil sie keine Dreiecke waren. Aber ich habe gelernt die Schönheit von Trapezen, Kreisen und Rechtecken zu sehen und mich entschieden, meinen Blick zu verändern.

Ich bin mir bewusst, dass ich nicht weiß, ob ich die richtigen Entscheidungen treffe, so gerne ich es manchmal wüsste. Und egal wie sehr, ich werde es nie wissen. Aber anstatt es gleich sein zu lassen, das Handtuch zu werfen, bevor ich mich nass gemacht habe, stürze ich mich lieber erstmal richtig in die Fluten.

Ich stehe vor dir, weil mich meine Wege, Entscheidungen genau hier her geführt haben, deine dich zu mir. Was wir daraus machen, liegt in unserer Hand. Meine Entscheidung wird immer wieder die sein, dass ich zulasse, wenn es gut tut. Ich ausspreche, was ich denke, auch wenn das Echo mir nicht gefällt oder ungehört verebbt. Was aus uns wird, weiß ich genau in diesem Moment nicht, muss ich auch nicht. Musst du nicht.

Ich habe Zeit, wertvolle Zeit, die ich dir schenke. Von der Zeit, die ich mit einem wundervollem Menschen, nämlich mir, abknapse, um dir ein Stück davon abzugeben.

Wahrscheinlich habe ich noch nicht genug gelernt, aus all dem Lebensscheiß, der einem begegnet, stehe ich ja immer wieder vor dir. Einem Menschen, der abstößt, als annimmt, der wegläuft, statt stehen zu bleiben, der sich verkriecht, versteckt, sich aus der Affäre zieht. Weitergeht, zum Nächten und Übernächten, weiter immer weiter. Warum der eine Mensch, wenn da so viele andere nur darauf warten genau von dir genauso abgestoßen zu werden.

Ich steh mit Ausrufezeichen in einem Topf voller Fragezeichen und Leerzeichen, dort wo auch mal Punkte gesetzt werden sollten; oder Gedankenstriche. Aber ich kann schwimmen, gerne auch gegen den Strom.

Denn ich, im Gegensatz zu dir, bin stark.

Weil ich ganz nackt vor dir stehen kann, entwaffnet, mich jedes noch so kleine Wort tödlich verletzen könnte. Ich aber lieber mein Herz zur Zielscheibe mache anstatt es von Ängsten, Dämonen, Zweifeln und Fesseln verkümmern zu lassen.

 

 

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3 Kommentare

  1. Es war, als würde ich einen kurzen Moment lang, in mein tiefstes Innerstes blicken. Ein klein wenig erschreckend, doch wundervoll zu erfahren, dass ich mit diesen Gedanken und Gefühlen nicht alleine bin. Vielen Dank Juliane!

    1. Vielen lieben Dank für eure Worte liebe Susanne, Christina und lieber Paul! So blöd diese Erfahrungen sind, so froh bin ich doch, dass ich andere damit berühre, dass das was ich erlebe und niederschreibe auch ankommt!

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